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Quelle: www.vietnam-dvg.de

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30 Jahre Krieg und faktische Teilung PDF Drucken E-Mail

Quelle: www.vietnam-dvg.de

Text von Wilfried Lulei
aus: Südostasien-Handbuch

Während des zweiten Weltkrieges hatte Japan der französischen Kolonialverwaltung einen Vertrag über die "gemeinsame Verteidigung Indochinas" aufgezwungen und damit den Zugang nach Vietnam erreicht. Die nationale Bewegung Vietnams führte einen entschiedenen Kampf gegen diese doppelte Unterdrückung. In Nordvietnam entstanden "befreite Zonen". Im März 1945 übernahmen die Japaner mit einem Handstreich allein die Kontrolle Indochinas. Die französischen Soldaten und Beamten wurden interniert. Doch Japan kam nicht mehr dazu, seinen Einfluss mit Hilfe einer einheimischen Regierung unter Tran Trong Kim zu festigen. Am 18. August beschloss ein Nationaler Volkskongress den allgemeinen Aufstand; die "Augustrevolution" begann. Am 2. September 1945 erklärte eine Provisorische Regierung die Unabhängigkeit und die Gründung der Demokratischen Republik Vietnam. Die Viet Minh (Liga für die Unabhängigkeit Vietnams) - ein Bündnis antikolonialer, nationaler Kräfte, in dem die Kommunisten dominierten - übernahm die Macht. Ho Chi Minh wurde Präsident. Die Viet Minh nutzte die Tatsache aus, dass nach der japanischen Kapitulation vor den Alliierten ein kurzzeitiges Machtvakuum bestand. Sie setzte sich gegenüber mehreren nationalistischen Gruppen durch und formierte eine breite nationale Union. Ihr Ziel war die Schaffung einer unabhängigen, demokratischen Republik, die mit den Alliierten zusammenarbeitete. Sowohl die Unabhängigkeitserklärung vom 2. September 1945 als auch die Verfassung von 1946 waren am Vorbild der USA orientiert. Doch Frankreich, das Vietnam seit der kolonialen Unterwerfung 1884 beherrscht hatte, kämpfte hartnäckig um die Wiederherstellung seiner politischen und ökonomischen Macht. Obwohl die Regierung im März 1946 die Unabhängigkeit Vietnams anerkannt hatte, besetzten französische Truppen zum Jahresende die großen Städte und wichtigen Regionen. Sie zwangen die Viet Minh zum Rückzug in den Dschungel. Ein acht Jahre andauernder Krieg begann. Weder die langwierigen und aufwendigen Kampfhandlungen noch die formale Gewährung der Unabhängigkeit an eine Gegenregierung unter Ex-Kaiser Bao Dai im Jahre 1949 konnten jedoch die Unabhängigkeitsbewegung unter Führung der Kommunisten niederwerfen. Die Gegenregierung stellte keine echte Alternative zur DRV dar, da sie wenig reale Macht besaß. Die Bevölkerung betrachtete deren Repräsentanten als Marionetten der französischen Kolonialbehörden. Ab 1950 erhielt die Demokratische Republik Vietnam zunehmende Unterstützung der UdSSR und der Volksrepublik China, während die USA umfangreiche Hilfe an Frankreich und den Staat Vietnam unter Bao Dai leisteten. Die Niederlage Frankreichs in der Schlacht von Dien Bien Phu (13.3. - 7.5.1954) und weltweite Proteste gegen den Krieg führten zur Genfer Konferenz (China, Frankreich, Großbritannien, Kambodscha, Laos, UdSSR, USA, Demokratische Republik Vietnam, Staat Vietnam) und zur Unterzeichnung der Genfer Indochina-Abkommen am 20. /21. Juli 1954, in denen Frankreich die Unabhängigkeit Vietnams anerkannte. Die Abkommen waren ein Kompromiss. Sie beendeten die Kampfhandlungen und verhinderten die drohende internationale Ausweitung des Krieges, brachten aber noch nicht die Unabhängigkeit und Einheit, sondern knüpften diese an allgemeine, freie Wahlen im Jahre 1956. Bis dahin wurde am 17. Breitengrad eine militärische Demarkationslinie gezogen, die faktisch zur Teilung des Landes führte. Eine internationale Kommission (Indien, Kanada, Polen) sollte die Einhaltung der Abkommen überwachen.

Zwischen 1954 und 1973 entwickelten sich der Norden (Demokratische Republik Vietnam) und der Süden (Republik Vietnam) völlig unterschiedlich. Im Norden lösten die Kommunisten, deren Partei 1951 den Namen "Partei der Werktätigen Vietnams" angenommen hatte, offiziell die Viet Minh als Führungskraft ab. Mit Unterstützung und nach dem Vorbild der Sowjetunion, der Volksrepublik China und anderer sozialistischer Staaten begannen sie, die sozialistische Ordnung einzuführen. Dabei lehnten sie sich stark an die Konzeption der Volksdemokratie in Osteuropa an, betonten aber gleichzeitig den nationalen Charakter ihrer Entwicklung. Dank großer Anstrengungen der Bevölkerung und umfangreicher Hilfslieferungen aus dem Ausland gelang es, viele Kriegsschäden zu beseitigen und Erfolge beim Aufbau der Wirtschaft, der Erhöhung des Lebensstandards, der Entwicklung des Gesundheitswesens und des Bildungswesens zu erreichen. Durch eine Bodenreform erhielten viele Pächter und Kleinbauern eigenes Land. Mit einer intensiven Kampagne zur Vergenossenschaftung der Landwirtschaft, des Handwerks und des Handels und dem Bau von neuen Industriebetrieben sollte die ökonomische Rückständigkeit überwunden und der Lebensstandard der Bevölkerung verbessert werden. Die Ergebnisse waren bescheiden, versprachen aber eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung. Überspitzungen bei der Bodenreform wurden korrigiert. Die Partei der Werktätigen und die Regierung waren bestrebt, im Wettbewerb mit dem Süden die Stabilität und Überlegenheit des sozialistischen Systems zu beweisen, um die geplanten allgemeinen Wahlen im ganzen Land zu gewinnen.

Im Süden übernahm noch kurz vor Abschluss der Genfer Abkommen der von den USA unterstützte katholische Politiker Ngo Dinh Diem die Macht. Unter der Losung "Antifeudalismus, Antikolonialismus, Antikommunismus" war er bemüht, den Einfluss der traditionellen Aristokratie um Kaiser Bao Dai, der profranzösischen Kräfte in Armee, Verwaltung und Wirtschaft und insbesondere der Kommunisten und ehemaligen Viet-Minh-Anhänger zu zerschlagen. Kaiser Bao Dai wurde durch ein Referendum abgesetzt und die Republik mit Ngo Dinh Diem als Präsident proklamiert. Die profranzösischen Kräfte wurden von allen wichtigen Posten entfernt; zahlreiche Viet-Minh-Anhänger wurden eingekerkert. Entgegen den Vorstellungen vieler amerikanischer Berater, die Republik Vietnam zu einem Muster westlicher Demokratie zu gestalten und mit Hilfe der reichlich zur Verfügung gestellten Finanzmittel eine beispielhafte sozialökonomische Entwicklung in die Wege zu leiten, führte die Diktatur des Diem-Clans zu vielfältigen gesellschaftlichen, politischen und sozialökonomischen Konflikten. Einem Aufschwung der großen Städte stand die weitere Verarmut der Landgebiete gegenüber. Eine Landreform blieb in Ansätzen stecken. Der Ausbau der Infrastruktur diente mehr militärischen als ökonomischen Zwecken. Die umfangreichen Hilfslieferungen aus dem Ausland schadeten den einheimischen Bauern und Handwerkern mehr, als sie dem Aufbau einer nationalen Wirtschaft nutzten. Die Bevorzugung der Katholiken forderte den Widerstand der buddhistischen Bevölkerungsmehrheit (ca. 80%) heraus. Die selbstherrliche Politik Ngo Dinh Diems trieb auch antikommunistische Nationalisten und bürgerliche Demokraten in die Opposition.

In der Anfangsphase orientierten sowohl die Regierung in Hanoi als auch die in Saigon stärker auf die wirtschaftliche und politisch-ideologogische Festigung ihres Einflussgebietes und weniger auf die militärische Konfrontation. Während Hanoi jedoch auf die Durchführung der in den Genfer Abkommen festgelegten allgemeinen Wahlen drängte, lehnte Saigon diese entschieden ab, da ein Wahlsieg Ho Chi Minhs recht wahrscheinlich war. Spätestens 1960 war die Chance einer friedlichen Wiedervereinigung jedoch vorüber. Während Ngo Dinh Diem "zum Zug nach dem Norden" aufrief, beschloss der 3. Parteitag der Partei der Werktätigen in Hanoi als strategische Aufgaben den Aufbau des Sozialismus im Norden sowie die Wiedervereinigung des Landes und die Befreiung des Südens. In Südvietnam wurde die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams (FNL; von den USA und Saigon als "Viet Cong" = "vietnamesische Kommunisten" bezeichnet) gegründet, die offen den Sturz der Saigoner Regierung mit bewaffneten Mitteln betrieb. Den Kern bildeten ehemalige Viet-Minh-Mitglieder. Unter den Bauern und Angehörigen der ethnischen Minderheiten und auch in der städtischen Intelligenz fand sie zahlreiche Anhänger. Damals genügte die Opposition in Südvietnam, um die Schwäche der Regierung in Saigon offenkundig zu machen, es bedurfte dazu keiner Soldaten aus dem Norden. Die Ermordung Ngo Dinh Diems und seines Bruders Nhu durch die eigenen Generäle am 2. November 1963 destabilisierte das Regime noch mehr. Während in Saigon ein Staatsstreich den anderen jagte, brachte die FNL große ländliche Gebiete unter ihre Kontrolle. In dieser Situation entschlossen sich die USA 1964 zum massiven militärischen Eingreifen, das heißt, zur Entsendung von Kampftruppen in den Süden und zur Bombardierung des Nordens. Den Anlass bot der angebliche Angriff nordvietnamesischer Kriegsschiffe auf einen amerikanischen Zerstörer in internationalen Gewässern (Tongking-Affaire). Der Krieg gewann eine neue Dimension. Der innervietnamesische Konflikt wurde durch die internationale Systemauseinandersetzung der großen Blöcke in den Hintergrund gedrängt. Beide Seiten betrachteten den Indochina-Krieg als Prestigefall. Dieser drohte zu einem Weltbrand zu eskalieren. Die USA übernahmen anstelle der Republik Vietnam weitgehend direkt die Kriegführung und setzten auf dem Höhepunkt des Krieges 1968 neben knapp einer Million vietnamesischer Soldaten und Milizionäre 543 000 USA-Soldaten und umfangreiche Kriegstechnik, einschließlich tausender Flugzeuge und Hubschrauber sowie chemische Kampfstoffe ein. Die nordvietnamesische Volksarmee, die moderne Ausrüstungen aus den sozialistischen Ländern erhielt, griff massiv in die Kämpfe im Süden ein. Beide Seiten versuchten in zahlreichen Kämpfen unter hohem Einsatz von Menschen und Material einen militärischen Sieg zu erringen. USA-Flugzeuge warfen bei Luftangriffen in Indochina 7,5 Millionen t Bomben, das ist fast das Vierfache der Bombenmenge, die während des zweiten Weltkrieges über Europa abgeworfen wurde. Der Krieg forderte ungeheure Opfer und dehnte sich auf das Territorium der Nachbarstaaten Kambodscha und Laos aus. Er kostete über 3,5 Millionen Menschen das Leben, noch mehr wurden verwundet. Im Norden wurden der größte Teil der Wirtschafts- und Verkehrsanlagen sowie zahlreiche Städte zerstört. Im Süden wurden große ländliche Gebiete infolge von Entlaubungsaktionen, Flächenbombardements und ständiger Kampfhandlungen nahezu unbewohnbar und Millionen Menschen flohen in die Städte. Noch heute sterben jährlich zahlreiche Vietnamesen und Amerikaner an den Folgen des Einsatzes chemischer Kampfstoffe. Zerstörungen und Elend der Zivilbevölkerung nahmen ungeheure Ausmaße an. Neben den militärischen Anstrengungen bemühten sich Washington und Saigon mit politischen und ökonomischen Maßnahmen "die Herzen und Hirne" der Vietnamesen zu gewinnen. Unter Nguyen Van Thieu konnte wieder eine relativ stabile Regierung gebildet werden. Trotzdem gelang es nicht, die DRV politisch, wirtschaftlich und militärisch entscheidend zu schwächen. Spätestens nach der spektakulären Frühjahrsoffensive (Tet-Offensive) der nordvietnamesischen Volksarmee und der Einheiten der Befreiungsfront gegen die wichtigsten Basen der USA-Streitkräfte in Südvietnam im Jahre 1968 wurde klar, dass keine der beiden Seiten den Gegner militärisch besiegen konnte. Die "Viet Cong" drangen in große Militärstützpunkte des Gegners ein, besetzten die USA-Botschaft in Saigon und den Kaiserpalast in Hue. Der Angriff widerlegte die amerikanische These vom baldigen Zusammenbruch des Gegners. Aber auch die vietnamesische Volksarmee konnte die eroberten Städte nicht dauerhaft verteidigen und zahlte einen hohen Blutzoll. Die Bombardements waren militärisch sinnlos geworden, forderten aber zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung. Die Tet-Offensive war mehr ein politischer als ein militärischer Erfolg, sie brachte das Streben nach einer friedlichen Regelung auf den Weg. Die Verhandlungen zogen sich - begleitet von heftigen Kämpfen - fast fünf Jahre hin (USA, DRV, ab 1969 auch Republik Vietnam und FNL bzw. Republik Südvietnam.), ehe es am 27. Januar 1973 zur Unterzeichnung der Pariser Abkommen über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam kam. Das Abkommen verfügte die sofortige Beendigung aller Kriegshandlungen und den Abzug der ausländischen Truppen. Die Situation in Südvietnam sollte im Sinne der nationalen Eintracht durch die südvietnamesischen Seiten ohne Einmischung von außen geregelt werden.

Auch der zweite Indochina-Krieg endete nicht mit einem vollständigen militärischen Sieg der einen und der Niederlage der anderen Seite. Natürlich waren die Pariser Abkommen ein bedeutender Erfolg für die Demokratische Republik Vietnam und die Befreiungsfront, aber sie waren nicht allein das Ergebnis der bewaffneten Kämpfe in Vietnam, sondern sie wurden möglich, weil die militärische Lage in Indochina, die breite internationale Antikriegsbewegung sowie politische, soziale und ökonomische Veränderungen im Weltmaßstab die Beendigung des Krieges ermöglichten. Vor allem war bei den Großmächten die Erkenntnis gereift, dass der Vietnam-Krieg kein geeigneter Ort zur Durchsetzung ihrer globalpolitischen Interessen war. Mehr als 20 Jahre später bekannte der damalige Verteidigungsminister der USA Robert McNamara in seinen Memoiren: "Wir haben uns schrecklich geirrt".

Die Pariser Abkommen beendeten einen der größten Kriege der Gegenwart und löschten einen der gefährlichsten internationalen Konfliktherde. Den innervietnamesischen Konflikt konnten sie nicht regeln. Die Aussichten auf eine friedliche Einigung waren gering. Bewaffnete Attacken waren von Anbeginn an häufiger als sachliche Bemühungen um Kompromisse. Die Anhänger der Regierung Nguyen Van Thieu fühlten sich von ihren Verbündeten in Stich gelassen. Deren Gegner nutzten ihre weitere Destabilisierung nach dem Abzug der USA, um im Frühjahr 1975 eine Generaloffensive zu starten. Am 30. April erschienen Panzer der Volksarmee vor den Toren des Präsidentenpalastes in Saigon und General Duong Van Minh ("Big Minh") erklärte die bedingungslose Kapitulation der Republik Vietnam.

 
Fremde Modelle und die Suche nach einem eigenen Weg PDF Drucken E-Mail

Quelle: www.vietnam-dvg.de

Text von Wilfried Lulei
aus: Südostasien-Handbuch

Die meisten Vietnamesen freuten sich 1975 über den Frieden und sie hofften auf einen schnellen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aufschwung in einem wiedervereinigten Vietnam. Nationale Unabhängigkeit und Einheit des Landes waren die wichtigsten Triebkräfte, die viele Vietnamesen über Jahrzehnte hatten Not, Entbehrungen oder gar den Tod auf sich nehmen lassen. Das Ringen um ein besseres Leben war für sie eng mit dem Schicksal des Vaterlandes verbunden. Nach Kriegsende war die allgemeine Stimmung durch Euphorie und Hoffnung geprägt. Die Kommunisten, die im ganzen Land die Macht übernahmen, versprachen die rasche Herstellung der Einheit des Landes, die Beseitigung der Kriegsschäden und den Aufbau des Landes. 1976 beschloss die erste gesamtvietnamesische Nationalversammlung offiziell die Wiedervereinigung und die Umbenennung in Sozialistische Republik Vietnam. Der 4. Parteitag der Partei der Werktätigen Vietnams, die wieder den Namen Kommunistische Partei Vietnams (KPV) annahm, erklärte den schnellen Aufbau des Sozialismus im ganzen Land zur einzigen strategischen Aufgabe. Die KPV verkündete, Vietnam bis zum Jahr 2000 "in ein starkes Industrie-Agrar-Land mit einer starken Landesverteidigung, einer fortschrittlichen Kultur und Wissenschaft und einem zivilisierten und glücklichen Leben zu verwandeln, in ein Land, das einen würdigen Platz in der Welt einnimmt" (IV. Parteitag der PWV, Bericht des Zentralkomitees, Berlin 1977, S. 192). Das Programm war weitgehend am Modell des "realen Sozialismus" in der UdSSR und den osteuropäischen Ländern orientiert und vertraute auf die weitere große Einsatz- und Opferbereitschaft der Bevölkerung sowie auf umfangreiche internationale Unterstützung. Die spezifischen Bedingungen Vietnams und die Unterschiede zwischen Norden und Süden nach zwanzigjähriger Teilung wurden kaum berücksichtigt. In der Wirtschaft orientierte die KPV auf die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln, die Vergenossenschaftung von Landwirtschaft, Handwerk und Handel, die vordringliche Entwicklung der Schwerindustrie, die Schaffung moderner Großbetriebe in Industrie und Landwirtschaft. Sie erklärte den Marxismus-Leninismus zur offiziellen Ideologie. Die Verfassung von 1980 bezeichnete die SRV als Staat der Diktatur des Proletariats, dessen historische Aufgabe darin bestehe gleichzeitig die Revolution der Produktionsverhältnisse, die wissenschaftlich-technische Revolution und die ideologische und kulturelle Revolution durchzuführen. Der neue sozialistische Mensch wurde als "kollektiver Herrscher" definiert.

Die Konzeption der KPV vom schnellen Vormarsch des Sozialismus in ganz Vietnam ging aber nicht auf. Anfang der achtziger Jahre befand sich das Land in einer schweren politischen, ökonomischen und sozialen Krise. Die Wirtschaft lag am Boden, die Menschen hungerten, Vietnam war international isoliert, über eine Million Vietnamesen flohen ins Ausland ("boat people"). Die meisten westlichen Länder folgten der Embargopolitik der USA. Die sozialistischen Staaten mussten auf Grund eigener Probleme ihre Hilfsleistungen stark einschränken. Vietnam gelang es nicht länger, in den Auseinandersetzungen zwischen der Sowjetunion und China neutral zu bleiben. Der Eintritt in den RGW (COMECON) 1979 verschärfte die Beziehungen zum nördlichen Nachbarn. Die Konflikte mit China und den Roten Khmer versetzten Vietnam in den Kriegszustand zurück. Anfang 1979 marschierten vietnamesische Truppen in Kambodscha ein, das sie erst ein Jahrzehnt später wieder verließen. 200 000 chinesische Soldaten überschritten die Grenzen Nordvietnams, um "Hanoi eine Lehre zu erteilen". Das Engagement in Kambodscha stellte eine große Belastung für Vietnam dar. Das Vertrauen in die Politik der KPV war im In- und Ausland stark erschüttert.

 
Reformpolitik und außenpolitsche Öffnung PDF Drucken E-Mail

Quelle: www.vietnam-dvg.de

Text von Wilfried Lulei
aus: Südostasien-Handbuch

In dieser Situation beschloss der 6. Parteitag der KPV 1986 nach heftigen Auseinandersetzungen einen Kurs tiefgreifender Reformen ("Doi moi"= "Erneuerung"). Sein Hauptinhalt war:

Politische und wirtschaftliche Öffnung des Landes.; Aufgabe der einseitigen Bindung an die sozialistischen Länder; Entwicklung der Beziehungen zu den westlichen Staaten; eine völlig neue regionale Strategie; Rückzug aus Kambodscha; Überwindung der Konfrontation und Entwicklung der Zusammenarbeit mit allen Ländern der Region;  1995 Vollmitgliedschaft in der ASEAN; schrittweiser Übergang von der sozialistischen Planwirtschaft zur Marktwirtschaft; Dezentralisierung und Liberalisierung der Wirtschaft; Preisbildung durch den Markt; Aufgabe der Nationalisierungspolitik und Anerkennung der Privatwirtschaft; Auflösung der meisten Genossenschaften; Förderung ausländischer Investoren; Ersetzung des einseitigen Industrialisierungskonzepts durch drei Schwerpunkte: Nahrungsgüterproduktion, Konsumgüterherstellung, Exportgüterproduktion.

Die KPV versteht die Reformpolitik als "sozialistische Transformation" der Gesellschaft, in der die überwiegend marktwirtschaftlichen Prinzipien folgende Wirtschaft mit einem sozialistischen Staats- und Gesellschaftssystem verbunden werden soll. Sie orientiert auf eine weitere Beschleunigung der Wirtschaftsreformen bei strikter Wahrung der Kontinuität und Stabilität der Gesellschaft. Ein "Crash-Kurs", wie in den Ländern Osteuropas, wird entschieden abgelehnt. Ungeachtet vieler Widersprüche, Disproportionen, Fehler und Rückschläge hat die Reformpolitik Vietnam aus der Krise herausgeführt und erstaunliche Veränderungen eingeleitet. Dies gilt besonders für die Wirtschaft. Seit 1991 liegen die jährlichen Wachstumsraten des BIP über 8%, der Industrie über 10 %, der Landwirtschaft über 4% und des Exports über 20%. Die Inflation wurde gestoppt. Der ehemalige Reisimporteur wurde zum viertgrößten Reisexporteur in der Welt. In Industrie, Transportwesen und anderen Bereichen gibt es deutliche Fortschritte in Richtung Modernisierung und Technisierung. Die Infrastruktur hat sich wesentlich verbessert. Der Lebensstandard der meisten Familien ist gestiegen, obwohl die Hälfte der Vietnamesen - gemessen an UNO-Kriterien - immer noch unter der Armutsgrenze lebt. Nahrungsmittel und Güter des täglichen Bedarfs sind ausreichend vorhanden. Die wirtschaftlichen Fortschritte und die internationale Öffnung bleiben nicht ohne Auswirkungen in den Bereichen der Kultur, der Bildung und des politischen Lebens. Vietnam hält an der sozialistischen Zielstellung, dem Einparteiensystem und der führenden Rolle der KPV fest, doch seit Beginn der "Erneuerung" hat sich die reale Situation sehr verändert. Für die Bürger, für Betriebe, Religionsgemeinschaften, Vereine, Organisationen und NGO´s bestehen beachtliche Freiräume. Die Zahl privater Unternehmen wächst rasch, obwohl die meisten großen Betriebe noch dem Staat gehören. Ideenreichtum, Eigeninitiative und Pioniersinn sind gefragt. Allerdings werden diese Prozesse häufig durch Widersprüche, Disproportionen, Ineffizienz, Konfusität, Bürokratie, mangelnde Kompetenz und Managementerfahrung behindert. So ist der Lebensstandard insgesamt zwar deutlich gestiegen, aber gleichzeitig ist die soziale Schere größer geworden. Die Kontraste zwischen arm und reich, zwischen Stadt und Land, zwischen Ballungsgebieten und abgelegenen Regionen werden immer schärfer. Es gibt Millionen Arbeitslose, das Analphabetentum nimmt wieder zu, bereits ausgemerzte Seuchen treten wieder auf. Korrupte einheimische Bürokraten, konservative Reformgegner und auf "schnelles Geld" erpichte einheimische und ausländische "Geschäftsleute" erweisen sich als Störfaktoren. Die Konflikte in der vietnamesischen Gesellschaft sind aber nicht allein durch subjektive Faktoren bedingt, sondern haben wesentliche Ursachen darin, dass sich zur Zeit sowohl im sozialökonomischen als auch im geistig-kulturellen Bereich radikale Veränderungen jahrhundertealter Strukturen vollziehen. Marktwirtschaft und wissenschaftlich-technischer Fortschritt dringen bis ins letzte Dorf vor, doch nur in den großen Städten und Ballungsgebieten beherrschen sie zunehmend die Wirtschaft. Alte Lebens- und Wirtschaftsformen beweisen große Zählebigkeit. Bezeichnenderweise wurde der enorme Aufschwung der Nahrungsgüterproduktion nicht vorwiegend durch Modernisierung und Mechanisierung, sondern durch die Rückkehr zur arbeitsintensiven kleinbäuerlichen Familienwirtschaft erreicht. Und auf dem Land ist trotz Fortschreitens der Warenproduktion die Selbstversorgerwirtschaft immer noch stark, da die Kaufkraft der Bauern aufgrund der riesigen Preisschere zwischen landwirtschaftlichen und Industrieerzeugnissen trotz höherer Produktion kaum gewachsen ist. Auf sozialem Gebiet verlieren Familie und Dorfgemeinschaft zunehmend ihre Fähigkeit als soziales Netz für Alte, Kranke und Kinder zu wirken; der Staat, Religionsgemeinschaften und gesellschaftliche Organisationen sind bisher nur begrenzt in der Lage, diese Aufgabe zu übernehmen. Internationale Hilfsorganisationen, die häufig schon in Kriegszeiten tätig waren, tun sich teilweise schwer mit den veränderten Bedingungen. Marktwirtschaftliches Denken, wachsendes Selbstbewusstsein und ein neues Verständnis des Freiheitsbegriffes als Freiheit des Individuums (nicht zuerst als Freiheit von ausländischen Unterdrückern) führt zu heftigen Widersprüchen im Verständnis des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft. Vor allem Angehörige der jungen Generation lehnen das von Konfuzianismus bis Kommunismus in Vietnam gelehrte Ideal der Unterordnung der eigenen Interessen unter die der Gemeinschaft ab, andere begründen Fehlverhalten (z.B. Vetternwirtschaft) mit in der Tradition begründeten Verpflichtungen gegenüber der Familie. Auf der Verliererseite der Transformation stehen die Kriegsinvaliden, die Kriegswitwen und Waisen, aber auch ein großer Teil der Armeeangehörigen (einschließlich der entlassenen Soldaten und Offiziere), der Staatsbeamten und Parteikader, der Arbeiter und Angestellten von staatlichen Betrieben, der Bauern, der Lehrer, der ethnischen Minderheiten. Die Situation ist also widersprüchlich und konfliktreich.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise der asiatischen "Tigerländer", mit denen Vietnam seit Beginn der Reformpolititik und dem Eintritt in die ASEAN eng verbunden ist, hat auch Vietnam betroffen. Insbesondere gilt das für die größere Zurückhaltung ausländischer Investoren und den Preisverfall vieler Waren auf den Weltmärkten. Die Wachstumsraten in der Wirtschaft gehen deutlich zurück Allerdings besteht ein gewisser Vorteil darin, dass Vietnam auf Grund seiner beschränkten Möglichkeiten weit geringer in den Wirtschaftsboom einbezogen war und deshalb auch die Krise weniger wirksam wird.

Die erfolgreiche Reformpolitik hat das Ansehen der KPV wieder gefestigt. Die Mehrheit der Oppositionellen orientiert mehr auf die Stärkung der Reformkräfte in KPV und Regierung als auf deren Sturz. Die Furcht ist groß, dass radikale Veränderungen die erreichten kleinen Fortschritte zunichte machen und dass sie zu wirtschaftlichem Zusammenbruch und Bürgerkrieg führen könnten. Deshalb sind Regierung und Opposition um Annäherung und Kompromisse bemüht. Mehr Rechtssicherheit, Bekämpfung der Korruption, Stärkung der Demokratie, Beschleunigung des Reformprozesses in den außerökonomischen Bereichen sind dringende Forderungen.

Unzufriedenheit hat meist soziale, nicht politische Wurzeln, d.h. Streiks und andere Aktionen zielen vor allem auf die Verbesserung der Lebensbedingungen, höhere Löhne, Arbeitsschutz, Bekämpfung der Korruption usw. Trotz großer Meinungsverschiedenheiten über den zukünftigen Kurs herrscht in führenden Kreisen und der Öffentlichkeit ein weitgehender Konsens darüber, dass Vietnam einen neuen Krieg vermeiden, innere Stabilität bewahren, ein Chaos verhindern und international Berechenbarkeit und Offenheit zeigen muss. In der Regel ist Pragmatismus an die Stelle großartiger Pläne getreten. Diese Politik findet die Zustimmung des überwiegenden Teils der Bevölkerung und auch die Akzeptanz der ausländischen Wirtschaft. "Sozialistische Orientierung" hat der damalige Generalsekretär der KPV, Do Muoi, in seiner Schlussansprache auf dem 8. Parteitag 1996 sehr breit definiert, nämlich "das Volk wohlhabend, das Land stark und die Gesellschaft gerecht und zivilisiert" zu machen. Trotz teilweise heftiger Diskussionen haben sich die Verfechter einer vorsichtigen Reformpolitik und des Ausgleichs zwischen den extremen Flügeln behaupten können. Kernpunkt der "Erneuerung" bleibt die Wirtschaft, doch bekennt sich die KPV weiterhin zur schrittweisen Reformierung der gesamten Gesellschaft. Die praktische Politik wird von der Zielstellung bestimmt, bis zum Jahre 2000 "ein schnelles und effektives Wachstum der Wirtschaft zu erreichen, diese stärker mit der Lösung drängender sozialer Aufgaben zu verbinden, die nationale Verteidigung und Sicherheit zu garantieren, die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern und die Voraussetzungen für einen höheren Entwicklungsgrad im kommenden Jahrhundert zu schaffen" (Bericht des ZK an den 8. Parteitag der KPV über die Orientierungen und Aufgaben zur sozialökonomischen Entwicklung bis zum Jahr 2000).

Trotz beachtlicher Fortschritte in den letzten zehn Jahren ist die Lage immer noch kompliziert und widersprüchlich. Vietnam ist auf Grund seiner großen materiellen und Arbeitskräfteressourcen zu einem interessanten Partner geworden. Es verfügt über viele Bodenschätze und andere Naturreichtümer, 40 Millionen billige und teilweise gut ausgebildete Arbeitskräfte, einen beträchtlichen Binnenmarkt, stabile politische Verhältnisse und integriert sich immer besser in den Weltmarkt. Dem stehen jedoch die geringe Finanzkraft, unzureichende technische Ausstattung und ungünstige Struktur der einheimischen Wirtschaft, die mangelhafte Infrastruktur, die fehlende Marktwirtschafts- und Managementerfahrung, die Verbreitung von Korruption, Bürokratie und Vetternwirtschaft entgegen. Die Kompetenzen zwischen Staat, Partei und Wirtschaft sind nicht eindeutig festgelegt. Der ökonomische Aufschwung geht nicht im adäquaten Umfang mit sozialen Verbesserungen und der Entwicklung der Demokratie einher. Die zunehmende Differenzierung in der Gesellschaft führt trotz aller Fortschritte der Reformpolitik zur Verschärfung der Konflikte. Es gibt heute kaum jemand in Vietnam, der das Fortschreiten der Marktwirtschaft aufhalten will. Sehr weit gehen die Meinungen jedoch darüber auseinander, in welchem Maße und mit welchen Mitteln man diese Entwicklung sozial abfedern soll und kann. Viele beklagen den allgemeinen Werteverfall, und fordern, den ökonomischen Fortschritt und die internationale Öffnung stärker mit der Erhaltung nationaler Traditionen zu verbinden.

Außenpolitisch konnte Vietnam seine Position seit dem militärischen Rückzug aus Kambodscha 1989 entscheidend verbessern. Den Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems überstand Vietnam relativ unbeschadet. Die Beziehungen zu China, Kambodscha, Thailand und anderen Ländern der Region konnten versachlicht und normalisiert werden, obwohl die wenigsten Konfliktpunkte gelöst sind. Weiter strittig sind z. B. die Besitzansprüche auf die Paracell- und Spratley-Inseln oder die Stellung der Chinesen in Vietnam und der Vietnamesen in Kambodscha. Dagegen konnten mit zahlreichen Aufnahmeländern Vereinbarungen über die Rückführung vietnamesischer Flüchtlinge getroffen werden. Ein besonderes Problem ist die Überschwemmung des vietnamesischen Marktes mit ausländischen Waren, die zollfrei ins Land gelangen. Insgesamt hat die Aufhebung des USA-Embargos 1994, die Aufnahme in die ASEAN 1995 und die aktive Teilnahme an den Bestrebungen zur gewaltfreien Regulierung der regionalen Konflikte Vietnams Stellung in der Welt deutlich gefestigt. Gerade die Entwicklung in Südostasien im Jahre 1998 machen jedoch deutlich, dass positive Trends sehr schnell enden können und erreichte Positionen stets aufs Neue erobert und gefestigt werden müssen.

Fazit: Der Erklärung der Unabhängigkeit 1945 folgten 30 Jahre Krieg, Zerstörung, Not und Elend. Auch danach gestaltete sich der Weg in eine neue Zukunft äußerst widerspruchsvoll. Bei allen Fortschritten der letzten Jahre ist nicht zu übersehen, dass Vietnam bei der Errichtung eines modernen, demokratischen Staates erst am Anfang steht. Vergleiche mit den Nachbarländern sind aber nur bedingt möglich, da die meisten einige Jahrzehnte friedlicher Entwicklung voraushaben. Vietnam betrachtet das keineswegs nur als Nachteil, sieht es doch eine Chance, aus Fehlern der "kleinen Tiger" zu lernen und Fehlentwicklungen zu vermeiden. Auch die neue Führungsgeneration - Präsident Tran Duc Luong, Ministerpräsident Phan Van Khai, KPV-Generalsekretär Le Kha Phieu, die 1997/98 ihre Ämter übernommen hat - ist offensichtlich bestrebt, den Kurs der vorsichtigen Reformen ins neue Jahrtausend weiterzuführen. Sie ist sich allerdings bewusst, dass sie den erfolgreichen ökonomischen Reformprozess stärker auf andere Bereiche der Gesellschaft (Politik, soziale Lage, Wissenschaft, Kultur, Ideologie ) ausdehnen muss.

 


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