Dr. Peter Jankowitsch (Bundesminister a.D.):
Ho Chi Minh im Kontext seiner Ära

 

Leben und Wirken einer Persönlichkeit von so historischen Bedeutung wie der Ho Chi Minh´s werden nur dann wirklich verständlich, wenn man einen auch nur kurzen Blick auf seine Zeit und ihr internationales Umfeld, ihre Bewegungskräfte und ihre Hauptakteure richtet.

Die geschichtliche Epoche, in die Ho Chi Minh hineingeboren wurde und die sehr bald sein Bewusstsein prägte, war die der Hochblüte eines europäischen Kolonialismus, der sich bis zum Beginn des 1.Weltkrieges weite Teile der außereuropäischen Welt ,vor allem in Afrika und Asien unterworfen hatte und gegen den Gegenmächte damals weitaus fehlten. Europäische Mächte konnten sich damit ohne Rücksichten auf andere nehmen zu müssen, die Welt untereinander aufteilen und sie ihren, vor allem wirtschaftlichen aber auch politischen Interessen unterordnenden Expansionsdrang einzelner ,meist neuerer Kolonialmächte wie dem wilhelminischen Deutschland oder Italien stellten sich lediglich Rivalitäten mit älteren, vor allem Frankreich oder Großbritannien entgegen.

Wie wenig im Umgang mit Nationen der außereuropäischen Welt die Idee ihrer Selbstbestimmung verbreitet war, zeigt der Umstand, dass selbst die USA dieser Tage nicht einen Augenblick zögerten, sich spanische Kolonialgebiete, die sich vom Mutterland loslösen wollten wie Kuba oder die Philippinen , in der einen oder anderen Form einzuverleiben.

Sosehr der 1.Weltkrieg europäische Mächte schwächte und Europa von Grund auf veränderte, so wenig änderte er vorerst an den Beziehungen zwischen Europa und der außereuropäischen Welt. Weiterhin wurde sie fast ausnahmslos von den alten Kolonialreichen beherrscht, von denen manche sogar noch durch frühere deutsche Kolonien ausgedehnt wurden .Auch das vom Völkerbund eingeführte System von Mandaten über einzelne frühere Kolonialgebiete änderte vorerst wenig an diesem Zustand, vor allem weil diese ausnahmslos wieder Kolonialmächten oder ihnen verbundenen Besitzungen wie Südafrika übertragen wurden.

Dennoch wurde durch den großen europäischen Krieg auch das alte europäische Streben nach Weltherrschaft von innen wie von außen in Frage gestellt. Der Weltkrieg hatte mit den USA eine neue Weltmacht geschaffen, deren Einfluss bald nicht mehr zu übersehen war. Aus der Reihe traditioneller europäischer Mächte ausgebrochen war aber auch Russland, das sich nach der Oktoberevolution ein neues politisches System gegeben hatte, das auch im Verhältnis zur außereuropäischen Welt zumindest vorgab, andere Wege beschreiten zu wollen.

Weiters wurden gerade durch den Krieg zwischen europäischen Mächten, der auch ihre Schwächen und ihre Verwundbarkeit sichtbar gemacht hatten ,in vielen Teilen der außereuropäischen Welt Bewegungen für größere Autonomie ,für verbesserte Rechte gegenüber Mutterländern stärker spürbar, etwa in Indien aber bald auch in Indochina oder in Nordafrika.

Dazu kam, dass in Europa die koloniale Expansion vieler, nicht nur großer Mächte nie ganz unumstritten war. Dies vor allem nachdem sich immer mehr Regierungen der Kontrolle durch immer breiter gewählte Parlamente unterwerfen mussten, in die dann auch nach und nach Vertreter einer erstarkenden Arbeiterbewegung einzogen. Allerdings war die erste, kritische Auseinandersetzung mit der Kolonialpolitik europäischer Mächte nicht gegen den Kolonialismus an sich sondern gegen seine Methoden, gegen brutales Vorgehen gegenüber Kolonialvölkern vor allem aber gegen die Ausweitung des Systems kapitalistischer Ausbeutung auf koloniale Gebiete gerichtet. Von dieser grundsätzlichen Haltung, die von einer paternalistischen Einstellung gegenüber kolonisierten Völkern bestimmt war und bei der auch noch oft von einer zivilisatorischen Mission der Kolonialmächte die Rede war, wurden auch die Debatten in der Sozialistischen Internationale beherrscht. Zwar mussten sich ihre Kongresse angesichts ihrer hohen Aktualität immer öfter auch mit der sogenannten „kolonialen Frage“ beschäftigen, die besonders den auch aus anderen Gründen bedeutsamen Stuttgarter Kongress von 1907 beschäftigten, ohne allerdings zu einer grundsätzlichen Ablehnung des Kolonialismus und zu einer klaren Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zu führen. Im Grundsatz blieb diese Haltung auch nach dem Ende des Weltkrieges und der Wiedergründung der im Weltkrieg zerfallenen Internationale bestehen, woran vor allem Parteien deren Länder eine starke koloniale Präsenz aufwiesen, wie die französische SFIO oder die britische Labour Party Anteil hatten.

Vertreter von Emanzipationsbewegungen kolonialer Völker wie Ho Chi Minh, der sich in seinen Pariser Tagen zuerst den französischen Sozialisten angeschlossen hatte, standen daher vor einer schwierigen Wahl. Sollten sie, wie das viele Repräsentanten politischer Gruppen aus dem frankophonen Afrika getan hatten, nach Veränderungen aus dem Inneren alter Kolonialmächte suchen und damit ihren Bestand jedenfalls vorläufig nicht in Frage stellen oder sollten sie sich nach neuen Verbündeten in ihrem Kampf umsehen.

Der weitere politische Weg Ho Chi Minhs ist durch diese Wahl, die ihn an die Seite jener führte, denen er die entschiedendste Gegenerschaft gegen das System kolonialer Abhängigkeit nicht nur seines Volkes zutraute, klar vorgezeichnet. Diese Wahl war damit auch nur zu einem geringeren Teil von ideologischer Nähe zu seinen künftigen Verbündeten sondern vor allem von dem Anspruch der noch jungen Sowjetunion bestimmt, sich an die Seite unterdrückter Völker beginnend mit China zu stellen. Wie ja übrigens auch Pierre Brocheux in seiner eindrucksvollen Biographie darstellt, ist Ho Chi Minh zwar bei der Lektüre des „Kapitals“ von Karl Marx gescheitert und hat Zugang zu Lenin dann eigentlich erst durch seine „Thesen zur nationalen und kolonialen Frage“, gefunden die dieser 1920 dem 2.Kongress der KOMINTERN vorlegte.

Auch die Welt von 1945 war vom raschen Anbruch einer neuen Ära universeller nationaler Souveränität und Unabhängigkeit, wie sie sich die Völker der weitgehend intakt gebliebenen Kolonialreich -die Indochinas eingeschlossen – erwartet hatten, noch weit entfernt.

Gewiss hatten die Vereinten Nationen den ehrgeizigen Versuch unternommen, eine neue, von Krieg und Gewalt freie neue Weltordnung zu schaffen, die dem friedlichen Zusammenleben aller Völker nach gemeinsamen Regeln und Werten dienen sollte. In San Franzisco und später sollten aber noch lange neben dem Großteil der afrikanischen Völker auch viele andere, in kolonialer Herrschaft verbliebene fehlen, wie die des indischen Subkontinents oder des karibischen oder pazifischen Raumes. Lediglich einem der neuen Organe der VN ,dem Treuhandschaftsrat wurde die Aufgabe übertragen mittels eines Mandatssystems eine allerdings nur kleine Zahl nicht selbstständiger Territorien -zumeist ehemalige deutsche und italienische Kolonien -auf Selbstverwaltung und Unabhängigkeit vorzubereiten. Zu der Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts für alle anderen Völker schweigt die Charta der VN.

Neue Kräfte und Bewegungen zur Überwindung des Systems kolonialer und imperialer Herrschaft mussten sich daher vorerst auch außerhalb der VN organisieren, wie die immer zahlreicher und einflussreicher werdenden Befreiungsbewegungen vor allem in Afrika und Asien. Erst unter ihrem Druck begann das System zu zerbröckeln und beginnend mit Indien 1947 konnte eine erste neue Gruppe asiatischer, dann auch afrikanischer Nationen Unabhängigkeit und Souveränität erringen. Welchen Platz sie in einer Welt einnehmen wollten, die nach 1945 rasch in zwei feindselige Lager zerfallen war zeigten die Signale , die 1955 von der großen Konferenz von Bandoeng ausgingen.

Nach einem Platz in der Welt von 1945 suchte auch ein neues Vietnam, das kurz nach dem Ende des 2.Weltkrieges seine Unabhängigkeit erklärt hatte, sich aber einem Frankreich gegenüber sah, das alte Größe und Gewicht in der Weltpolitik durch die Wiedererrichtung seines Kolonialreiches gewinnen wollte.

Besonders Ho Chi Minh war es in diesen Jahren, der eine Lösung des Konflikts mit Frankreich nicht in einer militärischen Auseinandersetzung sondern durch Verhandlungen suchte. Immer wieder zeigte er dabei Bereitschaft, französische Interessen zu akzeptieren und einen Teil des Weges mit Frankreich zusammen zu gehen, selbst als Teil einer damals entstehenden Union Francaise. Widersprüchliche Kräfte im Frankreich der 4.Republik,auch das Agieren der Armee führten in den ersten Vietnamkrieg und damit auch zur endgültigen Abwendung von Frankreich. Besonderen Einfluss hatte dann auch der bald alle Teile der Welt überziehende Kalte Krieg, der Kompromisse mit der schon damals sowjetischer Sympathien verdächtigten Führung in Hanoi wenig erstrebenswert erschienen ließ und dann schließlich zur Teilung Vietnams führte.

Diese Geschichte zeigt jedenfalls sehr eindeutig, dass es keinesfalls von allem Anfang an feststand, welchen Platz in der Welt das Vietnam Ho Chi Minhs einnehmen würde, für das nichts mehr zählte als Anerkennung seiner Unabhängigkeit und souveräne Gestaltung des eigenen Geschicks. Selbst noch zur Zeit der Konferenz von Bandoeng, an der zwar Ho Chi Minh nicht persönlich allerdings seine Regierung teilnahm, war diese Wahl vielleicht nicht endgültig.

Sie wurde unumstößlich letztlich durch die unerbittliche Logik des Kalten Kriegs, in der sich Vietnam aber auch eine mit der westlichen Welt ,besonders mit Frankreich lange so eng verbundene Persönlichkeit wie Ho Chi Minh zurecht finden musste. Auch nach dieser Wahl, die noch fern von ideologischen Motiven vor allem aus der Logik eines Unabhängigkeitskampfes verstanden werden muss, wurde Vietnam aber nie ein von Moskauer Machtinteressen gelenkter sowjetischer Satellitenstaat wie sie vor allem Osteuropa aufgezwungen wurde.

Vorrangiges Ziel Ho Chi Minh´s blieb die Erringung von Unabhängigkeit und Souveränität zuerst gegen Frankreich und dann selbst gegen einen so mächtigen Gegner wie die USA die in Vietnam, einer wenig realistischen Dominotheorie folgend, vor allem eine Nebenfront des Kalten Krieges sehen wollten.,

Für weite Teile der Welt, auch Europas blieben Ho Chi Minh und sein Volk aber gerade deshalb global wirkende Symbole des erfolgreichen Kampfes einer kleinen Nation gegen die Übermacht von Supermächten ,gegen alten Kolonialismus und neuen Imperialismus. Vor allem darin ist auch heute seine historische Bedeutung zu sehen, die ihn unzweifelbar in die Reihe großer Führungspersönlichkeiten der Dritten Welt wie Kwame Nkrumah, Pandit Nehru , Julius Nyerere oder andere stellt, die seit der Mitte des letzten Jahrhunderts die politische Landschaft der Welt entscheidend verändert haben.